Texte aus der Schreibwerkstatt

Hinter den Türen von...

 

Die Haustüre

 

Eine alte Dame sperrte ihre Haustüre ab. Es war nicht irgendeine Türe, sondern eine alte Haustüre, die für sie in vielen Jahren Ein- und Ausgang war. Sie rückte ihre Brille nochmals zurecht, es sollte nicht so aussehen, dass sie ungeschickt oder zittrig wäre, bevor sie endgültig den Schlüssel umdrehte und aus dem Schloss zog. Sie zitterte schon ein wenig, das spürte sie und es gelang ihr auch, Tränen zu vermeiden. Hinter ihr stand der Immobilienfachmann, mit dessen Hilfe sie ihr Haus verkauft hatte. Er sollte nicht meinen, dass sie eine rührselige Alte sei.

 

Es war ein regnerischer, kühler Herbsttag. Der Wind strich scharf um die Hausecke, wie damals, dachte sie, in meiner Kindheit. Der Mann der Immobilienfirma bot ihr seinen Arm an, hielt einen Schirm über sie, geleitete sie die Stufen aus Granit, es waren nur drei, herunter, weg vom Haustor, den kurzen Gartenweg entlang, öffnete seine Autotür und ließ die Dame einsteigen. Er ging zurück, um das Gartentor zu schließen. Die Dame blickte aus dem Autofenster, hin zu ihrem alten Haus, zur Haustüre und in diesen wenigen Sekunden war sie da, die Vergangenheit im Zeitraffer.

 

Ihrer Erinnerungen verfingen sich in den geschmiedeten Schneckenformen des Haustürgitters, ein Kunsthandwerk ihres längst verstorbenen Großvaters. Und seine Geschichten kreisten darin, die er in ihre kindliche Phantasie hineintrug. Erlebnisberichte aus Zeiten der Monarchie, ohne Kniefälle vor Politik und adeliger Gesellschaft. Erzählungen eines selbstbewussten, toleranten Mannes, kindgerecht für sie aufbereitet. Sie wollte immer ein Buch über sein Leben schreiben, hatte aber nie die Gelegenheit, und nun ist es zu spät, dachte sie.

 

Er starb in seinem, in ihrem Haus, hochbetagt, einige Jahre nach seiner Frau, der Großmutter, deren Sarg unter der Haustüre, an die Stufen gelehnt wurde. Die alte Dame sieht sich als Kind in dieser Begräbnisszene. Kind noch, halbwüchsig sagte man damals, in ein dunkelblaues Seidenkleid gesteckt, ja gesteckt, denn dieses war ihr im Brustbereich zu eng. Sie spürte an diesem Tag besonders, dass ihr die Brust zu wachsen begonnen hatte. Ein heißer Tag im Juni, die tote Großmutter im Sarg, unter der Haustüre mit dem Segen der Kirche versehen, bevor man sie, den Sarg auf einen schwarzhölzernen Leichenwagen hob. Der wurde von schwarzen Pferden gezogen zum weit entfernten Friedhof. Der Trauerzug war lang und sie ging hinter dem Wagen. Sie weinte, das Kleid war heiß und zwickte. Viel später erfuhr sie, dass das Leichenbegängnis der Großmutter das letzte in diesem Ort am Land war, das mit einem offenen Leichenwagen mit Pferden zum Friedhof zog.

 

Als der Großvater starb, war man moderner geworden. Der wurde vom Bestatter abgeholt, doch seinen letzten Weg nahm auch er durch diese Haustüre.

 

Wurde Besuch erwartet oder verabschiedet, und das war sehr oft, es geschah immer unter der Haustüre. Die alte Dame sah das stete Winken ihrer Mutter, das sie nach deren Tod vermisste. Wieder ein Sarg, der aus dem Hause getragen wurde, da auch die Mutter darin ihr Leben ablegte. Noch in den Wochen der Trauer erlitt der Vater einen Schlaganfall. Die Rettungsmänner trugen ihn aus dem Haus, er kehrte nicht zurück, starb nach wenigen Tagen in der Klinik.

 

Nicht nur Schritte der Trauer führten über die Schwelle der Haustüre. Die alte Dame holte aus ihrer Erinnerung die Hochzeit ihrer Mutter, wie ihr von dieser erzählt wurde. Die trat als Braut heraus, unter dieser Haustüre, in üppiges Weiß gehüllt mit dem Gefühl, ein zwiespältiges Glück gewählt zu haben. Sie verblieb im Elternhaus, in der Großfamilie und dazu fielen der Dame die Worte ein, „ein Leben meistern“. Eine Phrase, was liegt darin nur alles!!

 

Nun dachte die Dame an die eigene Hochzeit, an die Taufen ihrer Kinder und das immerwährende Fließen der Jahre! Auch dieses geschah im Fortgang der Zeit, im Ein- und Ausgang durch die Haustüre. Ihre Kinder hüpften die Granitstufen hinauf und hinunter, bis sie im Erwachsenenleben andere Türen öffnen wollten und auch mussten. Familienglück, wieder so ein abgetretenes Wort, dachte sie kritisch, aber ich gebe zu, ich hatte es.

 

In meiner Studienzeit, so wanderten die Gedanken der Dame wieder weiter, verband ich Heimweh mit diesem Haus, dieser Türe. Meine Garconniere im Wohnblock einer großen Stadt,  das Eingangstor aus Metall und Glas ließ mich bei dessen Anblick oft ein Gefühl der Namenlosigkeit spüren. Ein Hauseingang, der von vielen Bewohnern benützt wurde, die man kaum, oder nur wenig kannte.

 

Nun wartete die Gegenwart auf die alte Dame. Sie war mit dem Auto bei ihrem neuen Domizil angekommen. Der Immobilienberater öffnete ihr die Türe des Seniorenheimes, ein Eingang aus Metall und Glas.

 

Christine E., Attnang-Puchheim


Ich stehe vor dem alten Haus, einem Stadthaus, Gründerzeit.... Diese wunderschöne Tür!

In ihren Scheiben spiegeln sich Baum und Himmel und Gegenüber.

Ob die Tür sich für mich öffnet?

Ich gehe langsam darauf zu, voll von Erinnerungen. Da bewegt sich ein Flügel - der Eingang ist frei.... Ich mache Schritt um Schritt, zaghaft noch, ich sehe dich im Halbdunkel des Flurs.

Du schaust ernst, doch einladend.

Ich betrete das vertraute Haus, ein wenig unsicher, doch auch in keimender Vorfreude.

Ich sehe den Treppenaufgang, die alte große Lampe, die Bilder. Ich rieche Vertrautheit.

Du nimmst mir den Mantel ab - mit einer zarten Geste....

"Darf ich einen Blick in den Garten werfen?"

"Natürlich, du kennst den Weg!"

Ich durchquere Vorraum und Küche, öffne die Terrassentür und sehe, dass alles gedeiht und wächst, wie es will - unbändig, in Vielfalt und doch mit Maß umsorgt.

Nach einem tiefen Atemzug drehe ich mich um - da stehst du, schaust mich scheu lächelnd an und sagst: "Komm herein, ich habe Tee aufgesetzt!"

Ich sehe die bunte Mischung an Gartenblumen auf dem Tisch - mir wird warm um's Herz.

Ich spüre - alles wird gut.

 

Maria E.-Sch., Graz


Die angelehnte Tür

 

Drei Haustüren, drei Geschichten von Menschen, die dort ein- und ausgehen, nein nicht drei Türgeschichten, eine davon erzähle ich. Nur durch Zufall habe ich mein Auto nahe eines Güterweges angehalten, weil mir beim Vorbeifahren die wunderschöne alte Holztüre sprichwörtlich in die Augen gefallen ist.

Diese leicht angelehnte Holztür faszinierte mich beim ersten Hinschauen. In ihrer Kargheit zieht mich diese Öffnung an. Es ist die Einfachheit, das Wesentliche, das Holz, in vielen Sommern und Wintern grau geworden, aber widerständig den Unwettern gegenüber. Der Türstock, stark und ungebeugt, eine Zimmermannsarbeit aus einem vergangenen Jahrhundert. Die handgeschmiedeten Nägel im Holz festigen, zeigen Stärke.

Der Eisenring zum Einlass lässt ein geduldiges, verhaltenes oder aggressives Schlagen zu. Der dunkle Spalt der angelehnten Tür fordert mich unbewusst zum Klopfen am Holztor auf. Eine Scheu zwingt mich, den dunklen Innenraum ohne Signal zu betreten. Was erwartet mich als Neugierige? Komme ich in eine Scheune oder in ein vor Jahrzehnten verlassenes Bauernhaus, ein kleines, früher von Taglöhnern bewohnt?

Während ich den Eisenring gegen das Holztor schlagen will, sehe ich, dass sich mir vor dem Zutritt eine vernachlässigte Bleibe zeigt. Es scheint so, dass dieser Eingang der stabilste Teil des Anwesens ist. Die Außenwand an der Westseite hat dem Wind nachgegeben, die Holzbretter biegen sich nach innen, der granitene Sockel stabilisiert noch. Was Garten war, ist grüne Einöde mit verkrüppelten Mostobstbäumen. Die Sölde steht am Rande einer großen Wiese, die seit Jahren nicht mehr gemäht wurde, angrenzend an einen dichten Nadelwald. Teile des einstigen Zaunes, das Haus dürfte von einem solchen umgeben gewesen sein, recken sich als bemooste Holzlatten verkümmert in die Höhe. Gut ist ein Brunnen zu erkennen, die Einfassung aus Granit trotzt noch der Verwitterung. Hier kann ich meine Windjacke ablegen.

Während ich die Umgebung so nebenbei aus meinen Augenwinkeln wahrgenommen habe, schlage ich den Eisenring an. Der Klang von Eisen auf Holz, ein dumpfer Ton, stört beinahe die Ruhe des herbstlichen, späten Nachmittages. Ich überlege meinen nächsten Schritt, warte ab, mir ist nicht wohl dabei. Meine Neugier aber besiegt die Angst, ungebeten hier einzutreten.

Ich nehme mein Handy und drücke die Taschenlampe. Im Schein sehe ich graue und schwarze Umrisse einer kleinen Stube. Im hinteren Teil des Raumes die Vorrichtung eines Stalles, die Zwischenwand zerborstenes Holz. Mein Blick richtet sich nach oben, ob die Decke ein Weitergehen erlaubt. Dort beruhigen mich dicke Holztramen, dieser Teil wäre sogar zum Restaurieren, denke ich mir. Die Fenster sind klein, grau, bilden aber ein harmonisches Gefüge mit dem Innenraum. Vor einem hängt ein Vorhang, auf dem trotz seiner Verschmutzung noch ein altes eingewebtes, bäuerliches Muster zu sehen ist.

Beim Atmen spüre ich Staub, der hier seit langem alles überzogen hat. Mir ist unbehaglich, ich gehe zurück zur Türe, die ich wie vorher nur angelehnt gelassen habe. Ich steige über den Türstaffel hinaus, der in der Mitte von vielen vorhergegangenen Tritten eine Senke zeigt und schließe die Türe.  Erst jetzt fällt mir auf, dass das Holztor nicht knarrt, die Angeln dürften geölt worden sein.

Nach kurzer Überlegung will ich zu meinem Auto zurückgehen. Das spärlich liegende Laub raschelt unter den Schuhen.

Beim Rückweg zum Auto überkommt mich ein Gefühl, dass ich hier nicht allein bin, und mit einem Unbehagen blicke ich zum Haus zurück. Dort sieht alles so wie vorher aus, aber ich spüre, dass ich beobachtet werde. Durch die verschmutzen Fensterscheiben kann ich kein Gesicht entnehmen, außerdem dämmert es bereits. Ich erreiche das Auto im Laufschritt, es ist so unheimlich, dass eine Gänsehaut mich überzieht. Die Natur spielt mit, aufsteigende Nebel kriechen über die Wiese.

Vom Güterweg zurück zur Gemeindestraße, erleichtert fahre ich durch eine beleuchtete Ortschaft, dann nach Hause. Dort bemerke ich, dass ich meine Windjacke bei dieser alten Sölde vergessen habe. 

Das Erlebnis ließ mich nicht ruhen, ich wollte Erkundigungen über diese Stätte einholen. Beim Gemeindeamt des kleinen Ortes erfuhr ich, dass dieses Anwesen lange Jahre unbewohnt sei, und durch verschiedene Erbstreitigkeiten nicht mehr erhalten werde.  Angeblich sei im letzten Jahr eine Mieterin eingezogen, die in der Einfachheit dieses Ortes leben wolle. Diese Frau trete fast nie in Erscheinung, man fürchte um ihre Gesundheit, ein Fall für den Sozialausschuss, so die Aussagen eines Gemeindebeamten. Hilfeleistungen verweigere sie, und dann, sehr eigenartig, Wanderer, die in der Nähe des Hauses verbeikämen, hören sie manchmal singen, sehr laut und sehr schön. Sie soll in ihrer Jugend eine berühmte Kammersängerin gewesen sein, aber niemand weiß wo.

Diese Auskunft stimmte mich traurig. Ich werde meine Windjacke abholen, so dachte ich, vielleicht wird die alte Frau durch ein Gespräch mit mir zugänglich und für Hilfe offener.

Ich nehme wieder den Weg zum einsamen Haus auf. Ich stelle mein Auto weiter abseits ab, um den Fußweg zur Sölde, in Ansicht des besonderen Holztores und der verwilderten, beinahe romantischen Umgebung, genießen zu können.

Ich sehe die Frau aus dem Hause kommen, so als ob sie mich erwartet hätte. Lange weiße Haare fallen in ihr Gesicht, sie ist groß und schlank, und trotz der ungepflegten, vernachlässigt aussehenden Kleidung, wirkt sie elegant, mit einem Umriss von einstiger Schönheit.

Ich fühle etwas wie Harmonie, sie hält meine rote Windjacke im Arm, wie freundlich. Als ich näher an sie herantrete, beginnt sie um Hilfe zu schreien, schrill, dann wieder zu singen und, ich bin entsetzt, sie hält meine Jacke wie ein Baby in den Armen und streichelt diese unaufhörlich. Schreie und Gesang wechseln ab, mit Gemurmel von Kosenamen oder Wiegenlieder in einer mir fremden Sprache. In mir steigt die Vermutung auf, dass die einstige Künstlerin durch tragische Umstände vor vielen Jahren ein Kind verloren hat. Vielleicht ist ihr auch andere, schwere Unbill widerfahren.

Ich muss mich abwenden, den Ort verlassen. Das weitere Geschehen verbleibt ungesagt, nimmt seinen Lauf in unserem sozialen Land.

Christine Essl, November 2020